Neuerscheinungen

Unerhörte Stimmen

Elif Shafak bedient sich in ihrem neuen Roman Erkenntnissen der Hirnforschung. So endet die Hirnaktivität eines Menschen nach seinem Tod nachweislich erst nach 10 Minuten und 38 Sekunden. In diesem Zeitraum erinnert sich unsere Heldin, die ermordete Prostituierte Tequila Leila, an ihr Leben und die maßgeblichen Menschen darin.
Fünf Freunde, alle Außenseiter der Istanbuler Gesellschaft, treten mit ihren komplexen Lebensgeschichten als besonders bedeutsam hervor. Sie sind es auch, die ihrer Freundin mit einem wahnwitzigen Plan zu einer angemessenen Bestattung verhelfen.
Shafaks zeitkritischer Roman liest sich als poetisches Plädoyer für Vielstimmigkeit und Gleichberechtigung.

Dieses Buch wird empfohlen von Simone Spelten.

  • Autor/enElif Shafak
  • VerlagKein & Aber
  • Preis24,-€
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„Mr. Weniger”

Arthur Less, ein alternder und nur mäßig erfolgreicher amerikanischer Romanautor wird von seinem Freund verlassen. Der Herzschmerz steigert sich noch, als Arthur von dem Verflossenen zur Blitzhochzeit mit einem neuen Partner eingeladen wird.
Um sein Gesicht zu wahren und sich abzulenken flieht Less kurzerhand. Statt sich bei der Hochzeitsfeier zum Gespött zu machen geht er auf eine improvisierte Lesereise, die ihn unter anderem nach Deutschland über Italien und Marokko nach Japan führt.
Die Flucht vor dem eigene Gefühlschaos mutiert zum Selbstfindungstrip mit allerhand skurrilen Begegnungen und bittersüßen Momenten. Andrew Sean Greer erzählt kurzweilig und anrührend, tröstend und zuweilen nostalgisch über Beziehungen und das Älterwerden.
Andrew Sean Greer gewann 2018 mit seinem Roman den Pulitzer Preis für Belletristik. Das Buch liegt nun auf Deutsch als Taschenbuch vor.

Dieses Buch wird empfohlen von Carola Mirhoff.

  • Autor/enAndrew Sean Greer
  • VerlagFischer Taschenbuch
  • Preis12,- €
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Die Nickel Boys

Der 16 jährige Elwood lebt zu Anfang der 60er Jahre mit seiner Oma in einem von Schwarzen bewohnten Ghetto in Tallahassee, Florida. Er arbeitet neben der Schule in einem Zeitschriftenladen, liest alles, was ihm vor Augen kommt und verehrt Martin Luther King. Er ist ein fleißiger und intelligenter Schüler, der zu seinem großen Glück ein Stipendium für den Besuch eines Colleges bekommt. Da er seinem klapprigen Fahrrad nicht traut und Angst hat, an seinem ersten Tag am College zu spät zu kommen, fährt er per Anhalter. Der Typ, der ihn mitnimmt, ist nett, jedoch ein polizeibekannter Autodieb. Zu Elwoods Unglück, werden sie von einer Polizeistreife angehalten. Die weißen Polizisten glauben dem dem schwarzen Autodieb nicht, dass der schwarze Junge auf dem Beifahrersitz nur ein Anhalter ist. Und so landet Elwood nach einem schnellen Gerichtsverfahren in einer Besserungsanstalt. Die Nickel Akademie wirbt mit schulischer Bildung, körperlichem und moralischem Training für die jungen Straftäter. Doch was Elwood erwartet, ist eine Anstalt des Schreckens: die Jugendlichen werden misshandelt und missbraucht, der sogenannte Schulunterricht ist eine Farce, die Ernährung schlecht, und der Rassismus und die Rassentrennung walten hier wie auf der Straße.
Elwood versucht, trotz der Gewalt, der Willkür und dem Sadismus, die Hoffnung auf eine kommende gerechtere Welt nicht zu verlieren. Er freundet sich mit Turner an und versucht, ihn dazu zu bewegen, gegen die Zustände zu kämpfen. Doch das kann lebensgefährlich sein.
Dieser bewegende, sehr gut geschriebene Pageturner basiert auf wahren Begebenheiten rund um eine Besserungsanstalt, die es in Florida über 100 Jahre lang gegeben hat. Auch dort wurden Schüler, die bei Bestrafungen durch die Wärter oder an deren Folgen starben, auf einem geheimen Friedhof verscharrt. Nach der endgültigen Schließung der Besserungsanstalt wurden einem verwilderten Stück neben der Müllkippe die Überreste vieler vieler Jungen aus allen Jahrzehnten der Anstalt gefunden.
Die zum Teil unbeschreibliche Gewalt, die in der Nickel Academy zum Alltag gehörte, ist auf jeder Seite des Buches anwesend. Der brilliante Autor Colson Whitehead braucht jedoch keine Einzelheiten zu schildern, um das Grauen spürbar zu machen. Es reichen Andeutungen oder die knappe Schilderung der Folgen der Misshandlungen. Die Seelen werden sich nie ganz erholen, bis zu ihrem Tod werden die Männer von ihren Erinnerungen verfolgt.

Dieses Buch wird empfohlen von Carola Mirhoff.

  • Autor/enColson Whitehead
  • VerlagHanser Verlag
  • Preis23,- €
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Radio Activity

Die Balletttänzerin Nora Tewes kehrt aus den USA zurück in das Küstenstädtchen ihrer Kindheit, als ihre unheilbar erkrankte Mutter nicht mehr lange zu leben hat. Mutter und Tochter verbringen die letzten Wochen der Mutter in tiefer Innigkeit; und so erzählt die Mutter Nora zum ersten Mal von dem großen Trauma ihrer Kindheit. Nora ist zutiefst geschockt, erfährt sie nun auch, warum sie ihren Vater nie kennengelernt hat und im Grunde männerlos aufwuchs. Sie erstattet Anzeige und muss erfahren, dass Verbrechen dieser Art nach 30 Jahren verjähren.
Da Nora vermutlich nicht wieder in die USA gehen wird, gründet sie mit zwei Freunden aus der Schulzeit einen Radiosender. Die vielfältigen Ideen der Freunde lassen den Sender bald erfolgreich sein. In Nora keimt die Hoffnung, den mittlerweile sehr alten Täter des Verbrechens an ihrer Mutter, per perfidem Spiel auf ihrem Sender öffentlich bloßstellen zu können.
Sie nennt sich im Radio Holly Gomightly, und sie hat die perfekte Radiostimme.
Eine erfrischend neue Idee für einen Roman: das Skandalon der Verjährung von Straftaten der Art, wie sie Noras Mutter widerfahren sind, mithilfe eines Radiosenders gewitzt zu thematisieren.

Dieses Buch wird empfohlen von Carola Mirhoff.

  • Autor/enKarin Kalisa
  • VerlagC.H. Beck Verlag
  • Preis22,- €
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Damals

Ist es Ihnen auch schon so ergangen: Sie finden Ihr altes Tagebuch, lesen es und erkennen sich wieder – mehr oder weniger. Das kann amüsant sein, spannend oder befremdlich. Wieviel von dem jungen Menschen steckt noch im Älteren? Was denkt der Lebenserfahrene über die Sichtweisen und Handlungen des jungen Ichs?

In ihrem neuen Roman lässt die Autorin ihre Ich-Erzählerin im Jahre 2017 die eigenen Tagebücher aus dem Jahre 1978 finden. In diesem Jahr ging die 23-jährige Hustvedt aus Minnesota nach New York, um in ihrer Traumstadt Literatur zu studieren. Und das tut auch ihre junge Icherzählerin S.H.
S.H. besucht Lesungen von Allen Ginsberg u.a., und sie liest die poetischen feministischen Texte Djuna Barnes‘. Sie wohnt in einem armseligen Apartment neben einer mysteriösen Nachbarin, der sie eine traurige Vergangenheit andichtet.

Doch eben diese Nachbarin kommt S.H. zu Hilfe, als sie von einer Partybekanntschaft beinahe vergewaltigt wird.
Hier wird eines der Themen deutlich, die den Roman durchziehen: der Kampf der Frau gegen Fremdbestimmung durch den Mann und dessen mehr oder weniger subtile Unterdrückungsmechanismen, die zum Teil bis heute das Leben der Frauen beeinflussen.

Durch ihren Kunstgriff, die ältere über die junge Frau reflektieren zu lassen, erzählt die Autorin fast beiläufig, dabei aber scharfsinnig, auch viel von den Kämpfen innerhalb der letzten Jahrzehnte um Gleichberechtigung, Frauensolidarität, Gewalt, Liebe und vielem mehr.

Carola Mirhoff

  • Autor/enSiri Hustvedt
  • VerlagRowohlt
  • Preis24,- €
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Bleib bei mir

Yejide und ihr Mann Akin, ein gebildetes junges Paar im Nigeria der 1980er Jahre, wünschen sich sehnlichst ein Kind. Auch die Verwandtschaft findet, es wird langsam Zeit dafür. Da Yejide allerdings nicht schwanger wird, greifen verschiedene Menschen zu verschiedenen Lösungsversuchen: Unter dem Druck seiner Mutter heiratet Akin eine zweite Frau. Das ist zwar immer noch üblich, doch gerade viele jüngere Menschen haben sich von dieser Tradition verabschiedet – entsprechend ist Yejide stocksauer als sie vor vollendete Tatsachen gestellt wird, denn so war das nicht abgesprochen. Nun greift Yejide auf andere Traditionen zurück. Doch auch Akin hat einen Plan B, der alles zwischen ihnen verändert und durch unberechenbare Faktoren ganz und gar nicht so läuft wie erhofft. Vor dem Hintergrund großer politischer und privater Unruhen müssen sich Yejide und Akin mit essenziellen Fragen auseinandersetzen: Wer sind sie als Paar, als Individuen, mit Kindern, und ohne? Ayobami Adebayo erzählt die Geschichte sowohl aus Yejides als auch aus Akins Sicht, mit temporeichen und gelegentlich äußerst witzigen Dialogen. Die Möglichkeit, am Leben dieser Romanfiguren so authentisch Teil zu haben, ist ein großes Glück.

Linda Unger

  • Autor/enAyobami Adebayo
  • VerlagPiper
  • Preis22,00 €
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Der Neue

Eine Middle School im Washington DC der 1970er Jahre: Der 12-jährige Osei, Sohn eines ghanaisches Diplomaten, ist mal wieder der Neue – bedingt durch die vielen Umzüge seiner Familie ist er das gewohnt. Dieses Mal ist er zudem noch das einzige schwarze Kind an der Schule. Ein Lichtblick ist die gleichaltrige Dee, eines der beliebtesten Mädchen in ihrem Jahrgang. Sie wird dazu eingeteilt, ihm die Schule zu zeigen ihm und beim allgemeinen Einleben zu helfen. Die beiden sind voneinander fasziniert und bald unzertrennlich. Damit sind sie schnell Gesprächsthema Nummer 1 auf dem Schulhof. Ein wirkliches Problem mit ihrer Freundschaft hat allerdings nur einer: Ian. Ihm gefällt überhaupt nicht, dass sich die Machtverhältnisse unter den Jungen sowie die Aufmerksamkeit der Mädchen neu sortieren. Intrigen und Manipulationen zu seinem Vorteil sind sein Spezialgebiet. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf. Wenn Ihnen diese Geschichte nun irgendwie bekannt vorkommt, liegt das daran, dass Tracy Chevalier hier einen Klassiker neu erzählt hat: Shakespeare’s Othello. Fazit: Applaus!!!

Linda Unger

  • Autor/enTracy Chevalier
  • VerlagKnaus
  • Preis18,00 €
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1919 – Das Jahr der Frauen

Gerade haben wir das 100-jährige Jubiläum der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland gefeiert, da erzählt Unda Hörner in ihrem neuesten Buch, was Frauen als nächstes machten: In zwölf Kapiteln die den Monaten des Jahres 1919 entsprechen lässt sie uns eintauchen in die Biographien von Marie Curie, Rosa Luxemburg, Coco Chanel, Anita Augspurg, Else Lasker-Schüler, um nur einige zu nennen. Sie alle haben Spuren hinterlassen, Weichen gestellt und Ketten gesprengt.
Dazu zeichnet ein lebhaftes Bild der Zusammenhänge, in denen sich die Frauen bewegten und in denen sie wirkten – eine Zeit des Umbruchs, geprägt von neuen Freiheiten und fortschrittlichen Ideen, die immer wieder mit rückwärtsgewandten Kräften kollidierten. Unda Hörner setzt ihren Protagonistinnen ein Denkmal, ohne sie auf ein Podest zu stellen. Mit einer perfekten Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe, ausgezeichnet recherchiert und mit wunderbarem Humor, erzählt sie ein Stück Frauengeschichte, das bis heute inspiriert.

Linda Unger

  • Autor/enUnda Hörner
  • VerlagEbersbach & Simon
  • Preis22,00 €
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